
Sie stellen schon wieder diese unbeantwortbaren Fragen - Die Speer-Biographie von Joachim C. Fest ist häufig kritisiert worden. Zu nah sei der Autor seinem Gegenüber gekommen - man liest gelegentlich auch von einer Art Sympathie - als das Fest bei der Darstellung Speers den Finger in die Wunde legen könnte, sprich seine Verwicklungen, Mitwisser- und Mittäterschaft ausloten könnte. Und in der Tat hat man bei der Lektüre der - ansonsten außerordentlich lesenswerten - Biographie den Eindruck, dass Fest an einer Art juristischen Unschuldsvermutung gegenüber Speer festhalten und ihm die Leugnung des Wissens um die Nazi-Verbrechen abnehmen möchte.Diese Vorbemerkungen sind mE. wichtig, um Fests zweites Speer-Buch Die unbeantwortbaren Fragen richtig einschätzen zu können. In diesem zweiten Buch wird uns die Person Speers in Form von Notizen und Gesprächszusammenfassungen nähergebracht, die aus den langjährigen Gesprächen zwischen Fest und Speer resultieren. Fest war bekanntlich in Form eines vernehmenden Lektors beauftragt, die Veröffentlichung von Speers Erinnerungen zu begleiten.Anders als man Fest unterstellt war er sehr wohl außerordentlich kritisch gegenüber Speer, alles andere anzunehmen wäre ja auch schlechthin naiv. Immer wieder lesen wir in den Aufzeichnungen, wie sehr er an der Unwissenheitsbehauptung des ehemaligen Rüstungsministers zweifelte, und wie oft er versuchte, mit logischen Argumenten, Streit oder goldenen Brücken von Speer zumindest eine Andeutung zu bekommen, dass es doch anders gewesen sein könnte. Die andere Speer-Biographin Gitta Sereny gibt in einem ZDF-Interview gegenüber dem Team von Guido Knopp etwas verklausuliert zu Protokoll, dass Speer ihr auf ihre insistierenden Fragen irgendwann geantwortet habe, dass er in Nürnberg wohl zum Tode verurteilt worden wäre, hätte er alles gesagt was er gewusst hat. Eine vergleichbare Aussage finden wir bei Fest nicht, immer wieder beißt er mit seinen unbeantwortbaren Fragen bei Speer auf Granit und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Aber auch er nimmt Speer - wie man nun aus den in diesem Buch veröffentlichten Notizen entnehmen kann - seine Rolle als guter Nazi nicht ab, zu deutlich sind die Kommentare, die Fest sich nach den Gesprächen notiert, zu deutlich der Frust über Speer. Ein Kulminationspunkt ist die Diskussion um die Wahrnehmung der sogenannten Reichskristallnacht, an die Speer sich nicht erinnern können will und die demzufolge auch nicht in seinen Erinnerungen auftauchen soll. Erst nach vielerlei Darlegungen des darüber fassungslosen Fests kommt schließlich - man ist geneigt es Kompromiss zu nennen - eine Formulierung in den Text, Speer habe durch die Fenster seines Dienstwagens eine gewisse Zerstörung bemerkt.Fest ist sichtlich zermürbt von Speers Ignoranz, und ein Abbruch der Zusammenarbeit liegt mehrfach in der Luft. Aber trotz aller Kontroversen rauft sich Fest immer wieder zusammen, zu wertvoll war wohl auch diese Originalquelle. Legt man nun die Fest-Biographie und Die unbeantwortbaren Fragen nebeneinander, so erscheint letzteres Werk wie eine kommentierte Erläuterung zu manchen Aussagen des Ersteren, ja manchmal fast wie eine Gegendarstellung des Autors, der Speer vielleicht doch ein wenig zu ungeschoren davonkommen ließ.Aber auch ohne vorherige Kenntnis der Biographie ist Die unbeantwortbaren Fragen ein fesselndes und faszinierendes Dokument der Zeitgeschichte, das zeigt, wie schwierig es war, einem an den Nazi-Gräueln unzweifelhaft Mittätigen ein Zugeständnis dieser Mittäterschaft zu entringen.
Nahaufnahme des kultivierten Edel-Nazis Albert Speer - Der Autor, Joachim Fest, ist einer der bedeutendsten deutschen Publizisten und Historiker. Seine Hitler Biographie, vor mittlerweile dreißig Jahren erschienen, ist längst ein Grundlagen- und Standardwerk. 1999 hat er eine umfangreiche Speer Biographie vorgelegt, sein Essay „Der Untergang war Vorlage für den gleichnamigen Kinofilm. Sein neuestes Buch „Die unbeantwortbaren Fragen , Gespräche mit Albert SpeerAlbert Speer, Hitlers Chefarchitekt und Rüstungsminister, zählt bis heute wegen seiner gebrochenen Persönlichkeit zu den umstrittensten Figuren des Dritten Reichs und bleibt die rätselhafteste Persönlichkeit der NS-Führungsmannschaft. Jochim Fest war in den vielen Gesprächen die er mit Speer führte von den Merkwürdigkeiten in Speers Wesen beeindruckt. Höchst selten ließ er sich umstimmen. Joachim Fest plante damals, beauftragt von einem großen amerikanischen Verlag, eine Hitler Biographie zu schreiben. Da rief ihn Wolf Jobst Siedler, Leiter des Ullstein Verlages an und sagte, Speer sei entlassen und habe die Rechte an seinem geplanten Buch „Erinnerungen an ihn gegeben. In der Haft in Spandau hatte Speer ein Manuskript von über 2000 Seiten verfasst. Fest sollte Speer bei der Abfassung des Buches, als „vernehmender Lektor begleiten. Er sollte das Manuskript auf korrektes Deutsch, auf durchhängende Längen überprüfen und er sollte dem Memoirenschreiber sagen, wo das Publikum Auskunft verlangte und wo Speer nicht schweigend drüber weggehen konnte.Joachim Fest berichtet in seinem Werk „Die unbeantworteten Fragen von seinen vielen Begegnungen mit Speer, und zeitweise auch mit Siedler, die zwischen 1966 und 1981an den unterschiedlichsten Orten, wie Kampen, Heidelberg, Munkmarsch, Meran usw. stattgefunden haben. Diese Gespräche wurden wörtlich oder dem Inhalt her in diesem Buch festgehalten.Fest schildert Speer als kultiviert, angenehm im Umgang, auskunftswillig. Vielleicht hatte die über zwanzig Jahre dauernde Haft ihn im Innersten gebrochen und gleichsam denaturiert. Speer war immer und überall „Everybody s Darling, bei allen Menschen mit denen er es zu tun bekam, außer seinen Eltern. Doch dieser Vorzug, überall beliebt zu sein, kann auch ein Verhängnis sein, dazu ist Speer geradezu ein Beispiel. Fest hatte anfangs Mühe mit dem Gedanken fertig zu werden, dass dieser Speer der engste Freund Hitlers war, eine ausgesprochene Vertrauensstellung inne hatte, wie kein anderer. Zwischen Speer und Hitler bestand, nach Fest seiner Überzeugung, ein homoerotisches Verhältnis und Hitler hatte für Speer größere Emotionen als für Eva Braun.Speer hatte viele Erinnerungen aus seinem Kopf ausgeblendet und musste von Fest erst wieder darauf gebracht werden. Trotz vieler Zureden, weigerte sich Speer hartnäckig, bestimmte Vorkommnisse in seinem Lebensbericht aufzunehmen. Seine gänzlich unbeeindruckte Reaktion auf die Progromnacht und seine Weigerung, diese Eindrücke in seine „Erinnerungen einzufügen, führte bis an den Bruchpunkt der Zusammenarbeit. Speer war anpassungsbereit und anpassungswillig. Als Schüler von Tessenow der Siedlungshäuschen baute, kam er in den Dunstkreis Hitlers, der pompös bauen wollte, „Germania, und Speer passt sich sofort an. Speer hatte einerseits einen hohen Organisations- und Relativitätssinn und gleichzeitig diesen kompletten Realitätsverlust, den man im zwanzigsten Jahrhundert bei vielen Menschen in Extremsituationen findet.Speer hat auch beim Tribunal in Nürnberg als einziger fast über bereitwillig eingestanden, aber eigentlich hat er nie begriffen, was Schuld eigentlich ist. Schuld ist eigentlich nicht vorstellbar, ohne Verankerung in einer religiösen Beziehung. Und Speer hatte keinen Sinn für Metaphysik. Er hat das Schuldbekenntnis abgegeben, weil es alle von ihm erwartet haben. Er war eigentlich wegen seiner Widersprüche die Schlüsselfigur, von dem was sich nach 1933 in Deutschland ereignete. Speer war ein Meister der Verdrängung und so gesehen der Steelvertreter einer ganzen Generation. Er war mit anderen Worten, der Repräsentant der Überläufer und erklärt wieso ordentliche Bürger in Scharen zu den Nazis überliefen. Speer hat genug gewusst, um zu wissen, dass er einem verbrecherischen Regime diente.Auch nach der Lektüre dieses Buches, bleibt die Frage nicht klar und unmissverständlich beantwortet, wie ein Mann mit diesem sozialen und familiären Hintergrund, so wie den moralischen Maßstäben seiner Erziehung, einer derart bösartigen, sich ihrer Barbareien brüstenden Herrschaft so besinnungslos verfallen konnte. Sein Leben war ein Rätsel und in den Widersprüchen hat er sich schließlich selber verstrickt. Er wurde sich selber zum größten Rätsel, litt unter großer Einsamkeit und hatte schließlich das „Glück des Vergessenwerdens.Ich bin hingerissen von diesem Buch. Es ist unglaublich gut recherchiert und hinterfragt, mit einer Meisterschaft die diesem begnadeten Autor eigen ist. Wir haben Bücher, die beginnen einfach vorne und enden hinten. Dieses Buch kann man hier und dort aufschlagen und lesen, das geht. Es hat viele Ebenen auf denen man es betrachten kann und es arbeite ausgesprochen atmosphärisch.Fest kommt am Ende zu der Erkenntnis: Speer hat uns allen mit der treuherzigsten Miene von der Welt eine Nase gedreht. Und als „Vorzugskind des Schicksals, als das er sich lebenslang betrachtet hat, passt, dass er kurz vor der Enthüllung die Bühne verließ oder richtiger: von der Bühne genommen wurde. Auch das Schicksal betrachtete ihn als eine Art „darling.